... erklärt, warum die gefährlichste KI-Krise kommt, wenn alles funktioniert.
Liebe KI-Fans,
Montag früh diese Woche: Ich lese einen Artikel über ein KI-Zukunftsszenario, das im Jahr 2028 spielt und auf die letzten beiden Jahre zurückblickt. Beeindruckend, wie realistisch das wirkt. Ich komme nicht so schnell davon los.
Dienstag früh. Ich stehe im Bad, putze Zähne, höre wie immer den Börsenpodcast „Alles auf Aktien“. Erste Meldung: KI-Disruptionsangst lässt weltweit Aktien abstürzen.
Es geht um genau diesen Artikel.
Keine neuen Informationen. Keine Realdaten. Keine geopolitische Krise. Einfach eine Geschichte, die Milliarden an Börsenwert vernichtet. Ich habe kurz aufgehört zu putzen.
Der Artikel stammt von Citrini Research, einem Finanz-Newsletter aus den USA, der für seine makroökonomischen Analysen bekannt ist. Kein Doom-Content. Kein KI-Alarmismus. Sondern ein sorgfältig konstruiertes Gedankenexperiment als Memo aus der Zukunft.
Die Autoren beschreiben, wie KI zwischen 2025 und 2028 zur größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten führen könnte. Nicht weil die Technologie versagt, sondern weil sie funktioniert.
Agentic AI macht White-Collar-Jobs überflüssig. Unternehmen entlassen Mitarbeitende und reinvestieren die gesparten Kosten in noch mehr KI. Wer seinen Job verliert, gibt weniger aus. Wer weniger ausgibt, zwingt das nächste Unternehmen, Kosten zu senken. Das nächste Unternehmen entlässt Mitarbeitende und kauft mehr KI.
Eine Feedback-Schleife ohne natürliche Bremse.
Der Begriff, den die Autoren dafür prägen, ist „Ghost GDP": Output, der in den Statistiken auftaucht, aber nie in der Realwirtschaft ankommt. Die Produktivität steigt, aber die Kaufkraft sinkt. Das passt nicht zusammen – und genau da liegt das Problem.
Eine Stelle hat mich besonders beschäftigt. Die Autoren schreiben: „We had overestimated the value of human relationships. Turns out a lot of what people called relationships was simply friction with a friendly face.“
Das ist ein harter Satz. Besonders, wenn man wie in der Kommunikation oder HR viel mit Menschen arbeitet.
Er wirft eine unbequeme Frage auf: Was von dem, was wir Beziehungsarbeit nennen, ist echte menschliche Wertschöpfung, und was ist Reibung, die wir nur noch nicht automatisiert haben? Ich glaube nicht, dass die Antwort „alles ist Reibung" ist. Aber ich glaube, dass wir uns diese Frage besser selbst stellen, bevor jemand anderes sie für uns beantwortet.
Das Szenario muss nicht eintreten. Einiges davon wird so nicht kommen. Aber die Richtung stimmt. KI macht menschliche Intelligenz weniger knapp und damit weniger selbstverständlich wertvoll. Das verändert Rollen, Erwartungen und wie Organisationen über Menschen nachdenken. Und zwar schneller, als die meisten gerade planen.
Die Unternehmen, die am meisten von KI bedroht werden, werden am aggressivsten einsteigen. Nicht weil sie es wollen, sondern weil sie keine Wahl haben. Das ist einer der kältesten Sätze im ganzen Artikel. Und wahrscheinlich einer der realistischsten.
Drei Dinge, die ich euch konkret empfehle.
Erstens: Fragt euch ehrlich, welche Teile eurer Arbeit echte menschliche Wertschöpfung sind und welche Teile Reibung waren, die ihr Prozess genannt habt. Keine akademische Übung, das ist die wichtigste strategische Frage der nächsten zwei Jahre. Wir merken das bei Staffbase selbst: Der erste Reflex ist fast immer, das Bestehende größer zu machen. Mit KI noch mehr von dem, was schon da ist. Die Frage, ob das überhaupt sinnvoll ist, stellt sich kaum jemand.
Zweitens: Arbeitet mit den besten KI-Tools, die es gibt. Nicht nur den kostenlosen. Wenn euer Arbeitgeber das nicht finanziert, holt euch ein privates Abo und testet damit. Natürlich sollten dort keine vertraulichen Daten landen, aber viele Dinge kann man anonym testen. Wer diese Tools nicht kennt, kann die Veränderung nicht einschätzen.
Drittens: Überdenkt eure Glaubenssätze darüber, was ihr könnt und was nicht. Wir sehen gerade in der Produktentwicklung, im Marketing, in vielen Bereichen dasselbe Muster: Die extreme Spezialisierung auf eine einzige Tätigkeit gerät unter Druck. Nicht weil Expertise wertlos wird, sondern weil KI die Grenzen zwischen Disziplinen auflöst. Wer breiter aufgestellt ist, mehr ausprobiert, sich links und rechts von seiner eigentlichen Domäne bewegt – der kommt gerade viel weiter als der Experte, der tief in seiner Nische bleibt. Sagt öfter Ja zu Dingen, bei denen ihr früher gedacht habt: Das bin nicht ich. Mit KI könnt ihr heute viel mehr Dinge tun, als euer bisheriges Berufsleben euch glauben gemacht hat.
Die Autoren schreiben das selbst am Ende: Ihr lest das im Februar 2026, nicht im Juni 2028. Die Feedback-Schleifen beginnen erst langsam zu wirken.
Wer jetzt versteht, wie diese Technologie wirklich funktioniert, wird nicht reagieren müssen. Der wird gestalten können – in seiner Organisation, in seiner Rolle, in den Gesprächen, die gerade erst beginnen.
KI wird nicht nur ersetzen. Sie wird Räume öffnen, die vorher nicht existiert haben. Bessere Kommunikation. Persönlichere Mitarbeiterbeziehungen. Weniger Reibung, mehr Substanz. Aber diese Räume öffnen sich nicht automatisch für jeden. Sie öffnen sich für die, die früh genug drin sind.
Euer
Über den Autor: Frank Wolf ist Mitgründer der Employee-Experience-Plattform Staffbase. Als Chief Strategy Officer widmet er sich Zukunftstrends in der Unternehmenskommunikation, hat kürzlich sein zweites Buch „The Narrative Age“ veröffentlicht und gilt als Vordenker beim Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Kommunikation.
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