Julien Levrel | AI Enablement Manager bei Staffbase
… erklärt, warum du KI nicht prompten, sondern briefen solltest.
Liebe KI-Fans,
Ich helfe Teams bei Staffbase dabei, KI zu adoptieren und sie wirklich zu verstehen. Doch bevor ich anderen den Weg zeigen konnte, musste ich selbst einen finden. Er begann nicht mit einem Kurs oder einem Prompt, sondern mit einem einzigen Schachzug.
2017 verfolgte ich, wie Googles AlphaGo den Weltmeister Lee Sedol herausforderte. Alles änderte sich mit Zug 37. Es war nicht nur ein cleverer Spielzug. Es war ein Zug, der 2.500 Jahre menschlicher Tradition infrage stellte.
Auf die Frage „Warum?“ offenbarte das System, dass es die Wahrscheinlichkeit auf 1:10.000 geschätzt hatte, dass ein Mensch diesen Zug wählen würde. Trotzdem hat er ihn bewusst als den Gewinnerzug erkannt.
Das war mein persönlicher „Vertrauenssprung“: Mir wurde klar, dass KI kein Taschenrechner und kein Wortvorhersage-Tool ist, sondern eine transformative Kraft, die völlig neue kreative Räume erschließen kann. Seitdem haben wir uns vom Schock über AlphaGo zur Massenadoption von Large Language Models und den komplexen Realitäten unserer Zeit bewegt.
In dieser Entwicklung habe ich eines gelernt: KI ist kein Werkzeug, das man einfach beherrscht. Sie ist ein Partner, der deine Fähigkeiten und Kreativität weit über die natürlichen Grenzen deines eigenen Denkens hinausschiebt. Damit du vom passiven Beobachter zum bewussten Anwender wirst, teile ich drei Meilensteine aus meiner eigenen Reise:
1. Wähle deinen Partner:
ChatGPT, Gemini, Claude, DeepSeek, Grok … Jedes Large Language Model startet als leistungsstarke Engine, aber seine Entwickler prägen es mit unterschiedlichen „Persönlichkeiten“. Dein primäres KI-Modell zu wählen, ist deshalb keine Frage von Benchmarks oder Geschwindigkeit. Es geht um Alignment. In einer Welt, in der diese Tools zu Erweiterungen unseres eigenen Denkens werden, sollte das Modell, das du wählst, deine Werte widerspiegeln: deine Rolle in der Gesellschaft und deine Vorstellung davon, wie Mensch und Technologie zusammenleben sollten.
Der Tipp: Hör auf, jedem LinkedIn-Trend hinterherzujagen. Wähle ein Modell, das zu deiner Ethik passt, und bleib ihm einen Monat lang treu. Gute Ergebnisse entstehen durch das tiefe Verstehen eines Partners und nicht durch die oberflächliche Kenntnis vieler.
Das Tool: Anthropics Claude. Claude ist mein bevorzugter Partner. Wegen der radikalen Transparenz des Teams und seines wissenschaftlichen Ansatzes. Sie veröffentlichen sogar den System-Prompt des Modells, sodass alle ihn lesen können. Beim Super Bowl 2026 bekräftigte Anthropic diese Haltung und verpflichtete sich, Claude werbefrei zu halten, um den „Raum für tiefes Denken“ zu schützen (mehr Infos dazu am Ende des Newsletters). Und während ich das schreibe, wird diese Haltung gerade in der Praxis bestätigt: Anthropic hat einen Vertrag mit dem US-Verteidigungsministerium abgelehnt, das Claude für Massenüberwachung und automatisierte Waffensysteme einsetzen wollte. Der CEO machte klar, dass diese roten Linien heute nicht überschritten werden dürfen – und hat den Auftrag verloren. OpenAI hat ihn angenommen.
2. Denke um: Nicht „prompten“ sondern briefen
Wir verlieren uns oft in den Technikalitäten des „Prompt Engineerings“. Dabei entwickelt sich KI so schnell, dass sie unsere Absichten bald von selbst versteht, ganz ohne magische Befehle.
Die meisten Menschen behandeln KI wie eine Suchmaschine: kurze Stichworte eingeben und auf ein Wunder hoffen. Dann hört man, man müsse „Prompt Engineering“ lernen, um bessere Ergebnisse zu bekommen. Vergiss das. Du musst keine neue technische Sprache erlernen. Aber Kontext.
Das Geheimnis liegt nicht in „Zauberwörtern“. Es liegt darin, wie klar du das Problem beschreibst, das du lösen willst. Stell dir KI nicht als Taschenrechner vor, sondern als einen sehr hellen, sehr motivierten Praktikanten, der heute in dein Team eingetreten ist. Er kennt das gesamte Wissen der Welt, aber null Kontext über deine Unternehmenskultur.
Wenn du vor einem leeren Textfeld sitzt: Keine Panik. Folge diesen drei Schritten:
„Wer bin ich?“ Beschreibe der KI deine Rolle und den „Vibe“ deines Unternehmens. (z.B. „Ich bin Internal-Comms-Manager:in bei einem schnell wachsenden Tech-Startup mit einem lockeren, aber professionellen Ton.“)
„Das Chaos“: Beschreibe das Problem in deinen eigenen Worten (z.B. „Wir wechseln zu Desk-Sharing, und die Leute werden es hassen, weil sie an ihren persönlichen Fotos und Monitoren hängen.“)
„Lass sie erst denken“: Bitte die KI nicht sofort um einen Entwurf, sondern darum, ihre Logik erst offenzulegen. Das ist der Game-Changer: „Bevor du etwas schreibst: Welche Faktoren hältst du für am wichtigsten, damit sich die Mitarbeitenden gehört fühlen?“
Ohne es zu merken, hast du gerade „Prompt Engineering“ und „Chain of Thought“ angewendet..
3. Das „Second Brain": Deine Identität als Kontext
Eine der größten Hürden bei KI: Generische Modelle kennen weder dich noch dein Unternehmen. Auch wenn du Firmenwissen einspeisen kannst, deine spezifische Intuition, deinen kreativen Funken oder die Art, wie du eine Erkenntnis aus einem Dienstag-Meeting mit einem Buch von vor drei Jahren verbindest, können sie nicht erfassen. Ohne deinen persönlichen Kontext bleibt KI an der Oberfläche und kann schnell zum frustrierend reaktiven Partner werden.
Um das Beste aus KI herauszuholen, musst du aufhören, die „Aufgabe“ zu beschreiben und anfangen, dich selbst zu beschreiben. Wir verbringen unser Leben damit, für andere zu kommunizieren. Aber wie oft beschreiben wir uns selbst?
Ein Second Brain aufzubauen bedeutet nicht nur, Notizen zu ordnen. Es geht darum, eine digitale Reflexion deiner eigenen Weltsicht zu schaffen. Indem du deine Tagebucheinträge, Lieblingsframeworks und besten Kommunikationspraktiken dokumentierst, gibst du der KI das einzige, was sie sich nicht ausdenken kann: deine Einzigartigkeit, deine Erfahrung.
Der Tipp: Fang an, deine Notizen als Kontext-Deposits zu betrachten. Schreib auf, wie du denkst, wie du dich in verschiedenen Formaten ausdrückst, und wie deine Vision einer „perfekten Unternehmenskultur“ aussieht. Wenn du diese persönliche Wissensbasis in die KI einbringst, klingt sie nicht mehr wie ein Roboter, sondern wie du an deinem besten Tag.
Das Tool:NotebookLM. Der schnellste Weg, ein „Second Brain" zu bauen, das wirklich antwortet. Anders als Standard-KI bleibt NotebookLM strikt innerhalb der Quellen, die du bereitstellst. Lade vergangene Artikel, Führungsphilosophien oder Sprachnotizen hoch und verwandle deine statische Geschichte in einen gesprächsfähigen Partner. Du kannst deine eigenen Ideen interviewen oder sogar einen Podcast auf Basis deiner einzigartigen Perspektive generieren: ein lebendiges Archiv deiner Erkenntnisse, bereit für jede Herausforderung. Ich habe dir hier mal ein Beispiel aus den Inhalten dieses Newsletters generiert.
KI lernst du nicht durch Kurse allein. Du lernst sie, indem du deine Denkweise veränderst und sie selbst in die Hand nimmst. Ich hoffe, ich habe dein Interesse geweckt und freue mich darauf, von deinen eigenen Tipps und Tools zu hören, wie du deine KI-Literacy-Reise begonnen hast.
Auf gute Reise
Über den Autor: Julien lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Chemnitz und ist seit neun Jahren ein echtes Staffbase-Urgestein. In dieser Zeit hat er viele Rollen übernommen: von der Betreuung der EMEA-Kunden bis zum Aufbau der jetzigen Onboarding-Strukturen. Nach vier Jahren im GTM-Enablement hat er nun eine neue Aufgabe übernommen: als Senior GTM AI Enablement Manager bringt er KI-Strategie und die Staffbase-Teams, die euch täglich begleiten, näher zusammen.
Amanda Askells Definition von Seele in „Constitutional AI“ (alle Inhalte in englischer Sprache):
📣 Wie tickt eine KI eigentlich? Anthropic erklärt in einem Podcast & einem Video mit KI-Philosophin Amanda Askell, wie Claudes „Charakter“ entsteht – also welche Werte und Prinzipien hinter den Antworten stecken.
📣 KI soll beim Denken helfen, nicht ersetzen: Das ist die Botschaft von Anthropics erstem Superbowl-Spot 2026 in nur 30 Sekunden.
📣 Volle Transparenz: Die System-Prompts von Claude – also die „Spielregeln“, nach denen die KI arbeitet – sind öffentlich einsehbar.
📣 Kurs: Seit neuestem bietet Anthropic auch kostenfreie Kurse an. IDieser Kurs hilft dir, deine KI-Kompetenzen modellunabhängig aufzubauen – egal ob Claude, ChatGPT oder ein anderes LLM.
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